


die ca. 15 cm lange Nacktschnecke aus dem Persischen Golf und das Eigelege unter
dem Mantelsaum
Nackte Giganten
Qatar am Persischen Golf hat in taucherischer Hinsicht nicht viel zu
bieten. Aber wenn man sich beruflich dort für mehr als ein Jahr aufhält und das warme,
tropische Meer direkt vor der Haustüre hat, dann taucht man, auch wenn es nicht so
ergiebig ist.
Eines der beliebtesten Tauchziele unseres Tauchclubs war das sog. alte Club Riff, das sich
aus zahlreichen versenkten Reisebussen und PKWs zusammensetzte. Dieser große Ring aus
Autowracks hatte eine erstaunliche Anzahl tropischer Fische angezogen.
Diesmal war die Sicht ausgesprochen mäßig gewesen, und ich hatte den
Tauchgang schlichtweg als Totalverlust abgehakt. Sabine und ich befanden uns mit knappen
60 bar Restluft in der Flasche auf dem Rückweg zum Strand, als ich aus den Augenwinkeln
einen ungewöhnlichen Auswuchs auf der Seitenwand des vor drei Jahren versenkten
VW-Käfers wahrnahm.
Irgendwie sah das Ding wie eine große, ca. 15 cm durchmessende Seeanemone aus; es war
jedenfalls mehr als seltsam. Sabine war aber weitergeschwommen, und um sie nicht zu
verlieren, folgte ich ihr. Da für einen zweiten Tauchgang keine Luft vorhanden war, nahm
ich mir vor, das "Ding" am nächsten Tag nochmals genau in Augenschein zu
nehmen.
Am nächsten Morgen war das Wasser klar und schon von weitem konnte ich erkennen, dass ich
zu spät kam. Das "Ding" war weg.
Aber wir fanden es kurz darauf am benachbarten Buick-Straßenkreuzer wieder, und nachdem
der Blick geschärft war, konnten wir noch mehrere Exemplare unter dem einen Reisebus
entdecken.
Jetzt wurde offensichtlich, dass das, was ich für eine Anemone gehalten hatte, die
Kiemenbüschel einer riesigen Nacktschnecke gewesen waren. Ca. 15 cm lang, oval, braun und
mit großen Warzen bedeckt, konnte man die Schnecke nur als hässlich bezeichnen. Aber
aufgrund ihrer Größe auch faszinierend!
Wir erkannten bald, dass an mehreren Stellen je zwei Tiere eindeutig aufeinander
zustrebten, und eine Schnecke, die ich aufnahm, hatte zwischen ihrem Gleitfuß und dem
Mantel ein großes, gelbes Eigelege angeheftet. Es sah ganz so aus, als ob diese Schnecken
Brutpflege betreiben würden, denn wir konnten niemals freiliegende Eier finden.
Ich habe das alte Club Riff genau ein Jahr lang betaucht und kannte jeden Winkel; aber
diese großen Nacktschnecken habe ich nur Anfang November gesehen. Niemand weiß, wo sie
sich das restliche Jahr über aufhalten.
Auch habe ich diese Giganten nie im Roten Meer oder auch den Malediven gesehen.
In zwei schlauen Büchern fand ich zwei verschiedene Eintragungen, die auf
die Schnecke zutreffen:
- Archidoris Tuberculata: Diese im Mittelmeer vorkommende Schnecke ist
ganz ähnlich, aber die Warzen sind nicht ausgeprägt genug.
- In einem Buch über die Meeresfauna Qatars wird die Schnecke lediglich als zur Art Hexabranchus
zugehörig bezeichnet.
Falls andere Leser des Sporttauchers irgendwo auch einmal dieser Schneckenart begegnet sind oder mir mehr Informationen vermitteln können, wäre ich für einen Leserbrief dankbar.
Bernd Rothmann
erschienen im Sporttaucher, 12/92, Seite 32
Nachtrag im August 2004:
Einen Leserbrief zu diesem Artikel habe ich
leider nie erhalten, und auch nach 12 Jahren tappe ich bezüglich dieser Schnecke noch im
Dunkeln. Inzwischen tendiere ich dazu, sie der Art Asteronotus caespitosus
zuzuordnen, d.h. es wäre dann eine Rückensternschnecke.
Eine Schnecke ähnlicher Größe, die z.B. im Roten Meer bei Nachttauchgängen zu
beobachten ist, ist die große Seitenkiemerschnecke (großer
Flankenkiemer, gr. Sofakissenschnecke = Pleurobranchus
grandis und P. cf. forskali), die aber mit der besagten Art nicht verwandt
ist, da der Flankenkiemer keine offen getragenen Kiemenbüschel besitzt.
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