
Wo der Albimarginatus seine Kreise zieht
Eine Tauchkreuzfahrt vor Port Sudan
Weit, weit ist der Weg
Es war 1990 fast 20 Jahre her, dass Sub Aqua die erste organisierte Tauchreise in den
Sudan anbot. Seitdem (d.h. bis 1990) war das Reisen dorthin erheblich leichter geworden,
aber ein kleines Abenteuer war es nach wie vor. Noch immer war der Weg relativ
mühsam und ungewiss.
Es begann mit dem Visumantrag, den man mindestens sechs Wochen vor Reiseantritt bei der
sudanesischen Botschaft stellen sollte, und endete beim abenteuerlich anmutenden Flug mit
Sudan Air von Kairo nach Port Sudan. Mehrstündige Verspätungen waren nicht
außergewöhnlich, schließlich ging es ja tief nach Afrika, wovon auch die bunt gemischte
Schar dunkelhäutiger Passagiere zeugte. Das Flughafengebäude von Port Sudan, der Weg zum
Hafen und der Hafen selbst machten 1990 deutlich, wie weit entfernt Europa und seine
gehobenen Ansprüche entfernt waren. Erst auf dem Tauchschiff findet man den gewohnten
Komfort wieder vor..
1990
kreuzten von November bis Mai zwei prächtige Schiffe vor Port Sudan, die
"Aurora" und die "Shadia". Beide fuhren unter italienischer Flagge und
waren bei Sub Aqua Reisen bzw. bei Spiro Sub Wassersportreisen zu buchen. Ich war auf dem
36 m langen Zweimastschoner "Aurora" und konnte das Schiff nur loben. Den
Taucher erwartete viel Platz an Bord, eine ausgezeichnete, den dortigen Bedingungen
angepasste italienische Küche mit den entsprechenden Weinen und für das Tauchen
15-Liter-Flaschen, die immer eine ausreichende Luftreserve für einen Dekostop bieten.
links die Aurora
Nach Port Sudan, der Haie wegen
Als alter Sinai- und Hurghada-Taucher kannte ich die Rotmeer-Haie eigentlich mehr
von weitem und von hinten, d.h. ihr Anblick, wie sie davonschwimmen, war mir wohlvertraut.
Hier im Sudan bekam ich eine gründliche Unterweisung, wie Haie ganz nah und von vorn
aussehen.
Ich hatte das große Glück, dass der bekannte UW-Filmer Rolf Möltgen, dessen Filme
regelmäßig im deutschen Fernsehen Taucherherzen höher schlagen ließen, mit an Bord
war. Er wollte (Film-)Jagd auf die berühmten Hammerhaischulen machen, die häufig in den
Gewässern des Sudan gesichtet wurden. Unsere Reise war deshalb stark auf Haibegegnungen
ausgerichtet.
Halim, der
sudanesische Agent der deutschen Reiseunternehmer, der früher selbst viel tauchte, und
Aurora-Kapitän Rino wählten eine Kreuzfahrt aus, die uns zu den Riffen führen sollte,
an denen ein Zusammentreffen mit Hammerhaien wahrscheinlich war.
Wir schipperten zuerst einige Zeit durch mehrere relativ unberührte Riffe südöstlich
von Port Sudan und tauchten dabei vor North Jumna, Sha'ab Anbar, Sha'ab Munkar und der
Schildkröteninsel Seil Ada Kebir, wo wir meist auch einige Haie sahen. Aber die großen
Herden waren nicht dabei.
Mir wurde schnell die Besonderheit der meisten sudanesischen Riffe deutlich: Sie beginnen ein bis drei Meter unter der Wasseroberfläche, d.h. meist ist kein trockenfallendes Land zu vorhanden, und enden senkrecht abfallend irgendwo in 300 oder mehr Metern Wassertiefe am Meeresgrund. Die senkrechten Wände werden ab und zu von waagerecht vorspringenden Absätzen und Plateaus unterbrochen, die im Bereich zwischen 25 und 40 m überbleite Taucher daran hindern, auf 300 m durchzusacken. Es empfiehlt sich, bei diesen Plateaus immer sorgfältig auf die herrschenden Strömungen zu achten. Auch wir gerieten einmal in einen nach außen und unten gerichteten Sog, der uns schnell auf mehr als 40 m hinabzog. Nur mit prall gefüllten Jackets und kräftigen Flossenschlägen konnten wir dagegen ankommen.

der Leuchtturm von Sanganeb
Die Zackis von Sanganeb
Zwei der lohnendsten Plateaus dieser Art befinden sich an den Südspitzen der Riffe
Sanganeb und Sha'ab Rumi, die beide etwas nördlich von Port Sudan liegen (vgl. Karte).
Sanganeb
ist bei älteren Tauchern ein unvergesslicher Name, der an einfachsten Lebensstandard
erinnert. Dort wurden Anfang der 80er Jahre Tauchergruppen auf der Plattform am Fuße des
Leuchtturms abgesetzt und durften dort ihren gesamten Urlaub fernab der Segnungen der
Zivilisation verbringen. Sanganeb bot phantastische Tauchplätze mit Haigarantie. Aber noch
faszinierender als die neugierigen Riffhaie empfand ich die Invasion von großen
Zackenbarschen, die das Riff an der Südspitze Sanganebs bevölkerten. Es müssen hunderte
gewesen sein. Da es mir unwahrscheinlich erscheint, dass das Riff auf Dauer derart viele
Barsche auf kleinem Raum ernähren kann, vermute ich, dass sie sich Ende Mai dort zu einem
Paarungsritual eingefunden hatten. Vielleicht kann mir ein informierter Leser mailen, ob
ein derartiges Verhalten von großen Zackenbarschen bekannt ist.
Die Haie von Sha'ab Rumi
Noch abwechslungsreicher als Sanganeb war Sha'ab Rumi, das Römerriff, wo schon Jaques
Ives Cousteau 1963 sein Projekt "Conshelf II", auch bekannt als
"Precontinent II" verwirklichte und wesentliche Szenen des Filmes "Welt
ohne Sonne" drehte. Auch Cousteau war vor allem wegen der Haie nach Sudan gekommen.
Sha'ab Rumi bietet dem Taucher nahezu alles: Steile Riffabbrüche bis in
unendliche Tiefen, flache Tauchgänge in zauberhaften Korallengärten und endlich die
ersehnten Haie ganz nah und Hammerhaischulen, die aber leider stets zu weit entfernt
vorbeizogen, zu weit für einen Fotografen mit Weitwinkelobjektiv.
Unmittelbar neben der Einfahrt in die Lagune steht inmitten abwechslungsreicher
Korallenformationen in nur 12 m Tiefe wie ein futuristisches Raumschiff die Garage von
Cousteaus U-Boot, die 1963 errichtet wurde. Das eigentliche Unterwasserhaus, in dem die
Taucher lebten, wurde damals wieder abgebaut; aber überall auf dem Riffplateau sind Reste
von großen Aquarien bzw. eines Schuppens verstreut, von denen inzwischen Fische und
Weichkorallen Besitz ergriffen haben. Ein ideales Gebiet für Anfänger, denen die
sudanesischen Tauchgebiete mit ihren senkrechten Steilwänden eigentlich nicht zu
empfehlen sind.
rechts: die zum Precontinent II gehörende Garage
An der Südspitze von Sha'ab Rumi
reicht in ca. 25 bis 30 m Tiefe ein großes Plateau mindestens 100 m weit fast waagerecht
ins Meer hinaus. Ein idealer Platz für Haibeobachtungen. Hier gelangen Rolf Möltgen, der
ja extra wegen der berühmten Sudan-Haie angereist war, phantastische Filmaufnahmen.
Als alter Hase wusste er natürlich, wie man die Haie vor die Linse lockt. Es sei jedoch
sofort angemerkt, dass dieses Verfahren nicht für jedermann zur Nachahmung zu empfehlen
ist.
Morgens in
aller Frühe wurden abseits der Tauchgebiete einige Fische geangelt, zerlegt und in
kleine, wasserdichte Behälter verpackt. So war es möglich, die Fischbrocken an jede
gewünschte Stelle des Riffs zu transportieren, ohne unterwegs von den Haien belästigt zu
werden. Am Zielplatz wurden die Fische herausgenommen und zwischen Korallen deponiert.
Innerhalb kürzester Zeit begann dann ein faszinierendes Schauspiel:
Von allen Seiten nähern sich graue
Riffhaie (Carcharhinus amblyrhynchos), die die Witterung des Köders aufgenommen haben.
Innerhalb weniger Minuten sind wir von 15 bis 20 Haien umgeben. Diese Anfangsphase, in der
sich die Haie wie wild auf den Köder stürzen, ist die bedrohlichste. Die Haie sind
hektisch und gebärden sich wie wild, während jeder versucht, einen Brocken abzubekommen.
Nachdem die Köderfische gefressen sind, kehrt rasch Ruhe ein. Ruhig, aber neugierig
umkreisen uns die Haie, zu denen sich inzwischen noch zwei große Silberspitzenhaie
(Carcharhinus albimarginatus) gesellt haben. Die Atmosphäre bleibt trotz der großen Zahl
von Haien ausgeglichen und friedlich, so dass sich bei uns Tauchern keine Furcht, sondern
ein ungewöhnliches Glücksgefühl einstellt.
Man vergisst als Taucher völlig, dass man von beutegierigen Raubtieren
umgeben ist; die Versuchung leichtsinnig zu werden, einen Hai zu berühren, ist
überwältigend. Aber niemals vergessen wir, dass es sich hier nicht um organisierte
Haifütterungen handelt, die ein Tauchlehrer Woche um Woche wiederholt. Die Haie, die uns
umkreisen, werden zwar auch ab und zu mit Tauchern konfrontiert, aber Füttern ist für
sie noch keine Routine. So ist es ein außergewöhnliches, unvergessliches Ereignis,
inmitten der unübersehbaren Horde kreisender Haie zu hocken. Der eine oder andere kommt
neugierig näher, manchmal berührt ein Hai prüfend das Kameragehäuse und dreht dann
desinteressiert wieder ab. Es ist übrigens ausgesprochen beruhigend, ein Kameragehäuse
zwischen sich und dem Hai zu haben. Solange alle Taucher ruhig bleiben und keine
hektischen Bewegungen machen, ziehen auch die Haie ruhig ihre Kreise. Aber jede schnelle
Bewegung eines Tauchers spiegelt sich sofort im Verhalten der Haie wieder.
Nach ca. 25 Minuten wird es Zeit, an den Aufstieg zu denken. Paarweise schwimmen wir
langsam über das Plateau zurück zur Riffwand, an der wir bis auf 3 m aufsteigen. Die
Haie begleiten uns wie gute Freunde; aber der Rausch des Haitanzes ist bei uns Tauchern
verflogen. Vorsichtig bleiben wir dicht beieinander und behalten die Haie mißtrauisch im
Auge.
Ein
Lebewesen, das zur Wasseroberfläche strebt, erregt sofort die Aufmerksamkeit jeden Haies,
der das Auftauchen für Schwäche hält. Haierfahrene Taucher haben mir erklärt, um Haie
näher zu locken, müsse man nur einige Meter höher steigen. Durch ein Absinken um wenige
Meter hingegen könne man sie vertreiben. Letzteres wage ich anzuzweifeln, aber meinen
eigenen Erfahrungen zufolge ist der erste Rat nicht ganz falsch.
Um ungestört ins Boot klettern zu können, ziehen wir uns ein Stück auf die Riffplatte
zurück. Hierhin folgen uns die Haie nicht, sie ziehen ihre Kreise weiterhin in 5 bis 6 m
Tiefe.
links und oben je ein Silberspitzen-Hochseehai (Carcharhinus albimarginatus), gut an den langen, weißen Flossensäumen zu erkennen
Während der nächsten Tage kehrten wir
noch mehrmals an diese Stelle zurück, und das oben beschriebene Schauspiel wiederholte
sich. Die Haie gewöhnten sich an unser Kommen, schon beim dritten Mal waren sie ganz nah,
ohne dass wir den Köderfisch auspacken mussten. Auch ein oder zwei der relativ seltenen
Silberspitzenhaie waren immer dabei. Sie waren nicht nur an ihrer Größe und ihren
langgezogenen, weißen Flossenrändern, sondern auch an ihrem Verhalten zu erkennen.
Majestätisch zogen sie ihre Kreise und beteiligten sich nicht an der Balgerei der
kleineren Riffhaie um die dargebotenen Fischbrocken.
Sie warteten wohl auf größere Beute. Deshalb lief uns immer wieder ein Schauer über den
Rücken, wenn ein Albimarginatus direkt auf uns zuschwamm. Vielleicht waren wir ja die
Beute, auf die er lauerte!?
Aber kurz vor uns drehte er immer rechtzeitig ab und setzt seine Kreise fort. Die
Annäherung eines derart großen Haies ist eine unheimliche Sache. Trotz des oben
beschriebenen Glücksgefühls, das uns inmitten der Haie erfüllte, mahnte uns der
Verstand immer wieder zur Vorsicht. Haie sind unberechenbar, und wir ließen den großen
nie aus den Augen.
Ein
anderer Umstand mutete mir befremdlich und beruhigend zugleich an, nämlich die große
Anzahl kleiner Fische, die unbekümmert und neugierig zwischen uns und den Haien
herumschwamm und versuchte, auch ein Stück Köderfisch zu erhaschen. Es wäre für die
Haie ein Leichtes gewesen, einen dieser unvorsichtigen Doktorfische oder Barsche zu packen
und zu verschlingen. Aber sie machten keinerlei Anstalten dazu. Auch dieser Umstand mag
dazu beigetragen haben, dass die Atmosphäre nie bedrohlich oder aggressiv wurde.
Was es außer Haien sonst noch
gibt
Natürlich gibt es im Roten Meer vor Port Sudan neben den Haien noch andere Meerestiere
und Sehenswürdigkeiten. Es würde aber den Rahmen dieses Artikels sprengen, wenn ich
über den an allen Riffen vorhandenen Reichtum an tropischen Fischen schreiben würde.
Allerdings fiel mir auf, dass wir bis auf einige Strahlenfeuerfische keine anderen
Skorpionsfsiche wie Drachenköpfe, Steinfische etc. entdecken konnten.
Das Wrack der Umbria
Jede Tauchfahrt, die von oder nach Port Sudan geht, macht Zwischenstop am Wrack der
Umbria. Damit der italienische, mit Kriegsmaterial beladene Frachter 1940 nicht den
Engländern in die Hände fiel, wurde er von der Besatzung selbst versenkt. Von dieser
kriegerischen Zeit zeugen noch zahlreiche Granaten, die in den Frachträumen gestapelt
sind. Für mich war dieses Wrack irgendwie mystisch verklärt, soviel hatte ich,
angefangen bei Hans Hass, bereits darüber gelesen.
Um es kurz zu machen, ich habe schon schönere Wracks gesehen, aber die
Umbria hat zweifellos besondere Reize.
Nicht nur, dass das korallen- und schwammbewachsene Wrack eine herrliche Fotokulisse
abgibt und relativ flach liegt (0 bis 28 m), noch mehr hatten mich die dort heimischen
Fische begeistert. Weil an der Umbria viel getaucht wurde, waren alle Fische
außergewöhnlich zutraulich, beim großen "Haus-"Zackenbarsch lag die
Fluchtdistanz irgendwo zwischen 10 und 1 cm.
Mir fielen allerdings auch die vielen abgestorbenen Korallen auf, mit denen die Umbria
bewachsen war. Die Nachbarschaft zu Port Sudan und die unmittelbare Nähe der Reede, auf
der zahlreiche Frachter lagen, schienen das Wasser über Gebühr zu belasten.
Einen
Haken hat eine Tauchkreuzfahrt ab Port Sudan allerdings, und das ist der hohe Preis, der
1990 umgerechnet irgendwo bei 2000 Euro lag. Hinzu kamen noch einige Nebenkosten, die in
den Prospekten nicht erwähnt oder nur sehr klein gedruckt waren. Visumgebühr und
Impfungen waren bereits vor der Reise in Deutschland zu begleichen, in Kairo und im Sudan
kamen noch Flughafengebühren und eine nicht näher definierte Pauschale von 50 Dollar pro
Person und eine staatlich verordnete, weitere Tauchgebühr von 3 US$ pro Tag und Person
hinzu. Für einen zweiwöchigen Törn kamen so schnell fast 150 Euro an Gebühren
zusammen.
Sharm el Sheik und Hurghada waren da natürlich preiswerter. Aber dort zieht auch nicht
der Albimarginatus seine Kreise!
Allgemeine Informationen (Stand 1990):
Buchung bei Sub-Aqua-Tours oder Spiro
Sub Wassersportreisen, beide München
Visum bei der Botschaft der Republik Sudan, damals in Bonn, dauerte 6 Wochen und kostete
47 DM
Impfungen: Gelbfieberimpfung und Malariaprophylaxe empfehlenswert
Man sollte reichlich US$ für die Nebenkosten (Gebühren, Getränke an Bord etc.)
mitnehmen
Alkohol und Zeitschriften mit freizügigen Mädels etc. durften nicht eingeführt werden
Bernd Rothmann
erschienen im Sporttaucher, 9/90, Seite 4
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