Fische im Schlafrock
Schlafsack inclusive
Wenn es langsam dunkel wird im Riff, ziehen sich die tagaktiven Fische an
geschützte Schlafplätze zurück. Eine besondere Aktivität zeichnet dann die
Papageifische aus. Ihnen reicht der Schutz, den eine kleine Spalte im Riff gewähren kann,
nicht aus; sie umgeben sich außerdem mit einer Schutzhülle, die sie aus speziellen
Drüsen unter den Kiemendeckeln produzieren. Beginnend am Kopf, entsteht so in ca. einer
halben Stunde ein Schlafsack aus schleimigem Drüsensekret. Er weist normalerweise vorn
und hinten eine Öffnung auf, damit das zum Atmen notwendige Wasser zirkulieren kann.
Inzwischen weiß man, dass diese Hülle in erster Linie eine Geruchsbarriere darstellt.
Viele nachtaktive Raubfische setzen bei ihrer Jagd im Dunklen vor allem ihren Geruchssinn
ein. Papageifische, die in ihrem Kokon schlafen, werden von ihren Feinden nicht so schnell
aufgespürt. Außerdem behindert der schleimige Überzug den Raubfisch beim Zupacken, und
schließlich bildet der Schlafsack einen gewissen Schutz vor dem nächtlichen Befall durch
Hautparasiten.
Nicht jeder kann sich den Luxus leisten
Allerdings leisten sich nicht alle Gattungen der Papageifische den Luxus eines derartigen Schlafsacks. Von den drei wichtigsten Gattungen, Scarus, Callyodon und Sparisoma, umgeben sich nur die beiden erstgenannten mit einer Schleimhülle. Dabei verzichten große, ausgewachsene Tiere schon einmal auf ihren Schlafsack, denn die Gefahr, dass sie von einem noch größeren Raubfisch erbeutet werden, ist relativ gering. Die Sparisoma-Papageifische schlafen immer "nackt". Übrigens gehören die prächtig gefärbten blaugrünen Papageifische fast alle zur Gattung Scarus; Sparisoma-Arten sind meist dunkler gefärbt. Die Farbe ist allerdings kein eindeutiges Unterscheidungsmerkmal.
Mal Weiblein, mal Männlein
Eine weitere Besonderheit der Scaridae, wie die Papageifische wissenschaftlich heißen, ist der Geschlechtswechsel im Laufe des Fischlebens. Jungtiere sind meist weiblichen Geschlechts und somit unscheinbar gefärbt. Erst später wandeln sie sich in die bunteren Männchen um.

Papageifisch in seinem Schlafsack. Es handelt sich
um einen Scarus gibbus, der als Buckelkopf- bzw.
Großschnabel-Papageifisch bezeichnet wird.
Korallenzerstörer
Papageifische sind Pflanzenfresser, die mit erheblicher Geräuschentwicklung Felsen und Korallenbänke abweiden. Hauptsächlich fressen sie Algen, aber auch Korallen und Schalentiere werden nicht verschmäht. Die Vorderzähne sind zu papageischnabelähnlichen Zahnleisten verwachsen, mit denen z.B. die Korallenäste abgebissen werden, um dann durch die stumpfen Mahlzähne im Schlund zu feinem Sand zermahlen zu werden. Dieser wird in Form der oft zu beobachtenden "Staubwolken" wieder ausgeschieden, wenn die Fische das Riff durchschwimmen.
Fische mit eigenem Stil
Womit als letzte Besonderheit der Papageifische ihr eigentümlicher Schwimmstil zu erwähnen wäre. Während viele andere Fische mit kräftigen Schlägen der Schwanzflossen unter Einsatz des gesamten Körpers durch das Wasser gleiten, rudern die Papageifische lediglich mit ihren Brustflossen durch das Riff.
Erlebnis im Riff
Dass sie dabei aber gar nicht so ungeschickt sind, konnte ich bei einem Nachttauchgang auf den Malediven beobachten. Es war gegen 19:00 Uhr, und unsere Dreiergruppe hatte offensichtlich die Aufmerksamkeit des Hausriff-Zackenbarsches "Obelix" erweckt. Obelix erwies sich als echtes Schlitzohr. Er folgte uns beharrlich und hoffte auf eine leichte Beute im Lichtkegel unserer Lampen, was wir zu dem Zeitpunkt allerdings noch nicht ahnten. Als wir dann einen schlafenden Papageifisch anleuchteten, um uns den Kokon genauer zu besehen, schoss Obelix plötzlich zwischen uns hindurch und stürzte sich auf den schlafenden Fisch. Aber wider Erwarten war der Papageifisch noch schneller und konnte dem Zupacken des Zackenbarsches entgehen.
Gemeinsam mit Verwandten
Den Brustflossen-Schwimmstil, den Geschlechtswechsel und die nächtliche Schleimansonderung kann man übrigens auch bei einigen Arten der Lippfische (Labridae) beobachten, die ja die nächsten Verwandten der Papageifische sind.
Bernd Rothmann
erschienen im Sporttaucher, 1/90, Seite 52
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