Gepanzerte Orientierungsspezialisten
Seeschildkröten (Chelonidae) sind akut vom Aussterben bedroht. Die Menschen, die aus rein wirtschaftlichen Gründen für dieses Verbrechen an der Natur verantwortlich sind, ahnen wohl kaum, welch uralte und wunderbare Tierarten sie im Begriff sind, unwiderruflich auszurotten.
Seeschildkröten können mit Recht als Relikte aus der Urzeit angesehen werden. Seit mehr als 200 Millionen Jahren bewohnen sie die Weltmeere und haben dabei Fähigkeiten entwickelt, die z.T. noch nicht erklärt werden können.
Betrachten wir einmal die Entwicklung einer Suppenschildkröte (Chelonia
mydas), die über 100 Jahre alt werden kann. Diese Art ist besonders von der Ausrottung
bedroht, auch wenn Suppenschildkröten noch in allen tropischen und subtropischen Meeren
vorkommen.
Nach einer Brutzeit von ca. zwei Monaten
beißt sich die kleine Babyschildkröte durch die pergamentartige Haut ihres
tennisballgroßen Eies und gräbt sich mühsam, wie auch die fast einhundert Geschwister
ihres Geleges, an die Erdoberfläche. Denn die Schildkrötenmutter hat ihre Eier in ca.
ein Meter tiefen Sandgruben abgelegt, an deren Grund bei Tag und Nacht eine gleichmäßige
Bruttemperatur herrscht. Diese Temperatur beträgt 29 °C und ist von eminenter Bedeutung,
denn wenn die Eier bei zu geringer Temperatur ausgebrütet werden, schlüpfen nur
männliche, bei zu hoher Temperatur nur weibliche Schildkröten.
Versuche Schildkröteneier in Styroporkästen auszubrüten erwiesen sich als sehr
problematisch, weil so ganze Generationen ausschließlich männlicher oder weiblicher
Tiere erhalten wurden. In der natürlichen Sandgrube ist das Gleichgewicht zwischen den
Geschlechtern gegeben. Im wärmeren Zentrum des Geleges entwickeln sich Weibchen und am
kühleren Rand männliche Tiere. Niemand kann z.Z. erklären, nach welchen Gesichtspunkten
ein Schildkrötenweibchen seine Laichgrube im Sand anlegt, damit dort während der
Brutzeit unveränderlich die benötigte Temperatur herrschen wird.
Nachdem die frisch geschlüpften Schildkrötenbabies sich aus dem Sand
freigebuddelt haben, streben sie eilig dem Meer zu. Auch wenn Dünen die Sicht versperren
und kein Wellenschlag zu hören ist, finden sie das Meer mit traumwandlerischer
Sicherheit. Selbst frisch geschlüpfte Tiere, die am Atlantik ausgebrütet und an der
Pazifikküste ausgesetzt wurden, wählten den direkten Weg zum Meer.
Der Gesichtssinn spielt dabei eine große Rolle, denn Schildkröten, denen Brillen mit
Polarisationsfiltern aufgesetzt wurden, verirrten sich. Vermutlich orientieren sich die
Seeschildkröten an den durch Reflexion an der Wasseroberfläche polarisierten
Lichtschichten über dem Meer.
Meeresvögel und räuberische Landraubtiere stürzen sich auf die Babyschildkröten und fressen die meisten Tiere. Auf diejenigen, die das Meer erreichen, warten bereits Raunfische, so dass nur wenige Prozent der Schildkrötenbrut überleben. Wie die jungen Schildkröten weiterexistieren, wo sie sich aufhalten und was sie fressen, weiß bisher niemand genau zu sagen.
Es gibt Schätzungen, dass von 1000 geschlüpften Jungschildkröten nur
zwei oder drei so alt werden, dass sie sich weiter fortpflanzen können. Bis eine
Schildkröte geschlechtsreif wird, vergehen ca. acht Jahre. Sogar Zeiträume von bis zu 20
Jahren werden bei einigen Arten diskutiert.
Zur Paarung und Eiablage kehren die
Suppenschildkröten stets an den Ort ihrer Geburt zurück, wobei ihnen wieder ein
phänomenaler Orientierungssinn zugute kommt. Man kann nur vermuten, dass sich die
Schildkröten entweder am Sonnenstand oder wie die Zugvögel am Magnetfeld der Erde
orientieren.
Durch Markierungsexperimente wurde festgestellt, dass die Tiere zwischen ihren
Futterrevieren, wo sie sich normalerweise aufhalten, und ihren Laich- und Paarungsplätzen
bis zu 2400 km zurücklegen. Dabei erreichen die Tiere Tagesleistungen von 10 bis 35 km am
Tag. Tiere, die normalerweise an der brasilianischen Küste leben, schwimmen zur Insel
Ascension, die 2200 km weit draußen im Südatlantik liegt. Die Schildkröten finden
diesen Stecknadelkopf im Ozean ohne große Schwierigkeiten.
Nistplätze der Suppenschildkröten gibt oder gab es außer auf Ascension noch in Costa
Rica, Nicaragua, Mexiko, Surinam, Guajana, auf den Kapverdischen Inseln, Madagaskar,
Galapagos, Borneo und vielen Südseeinseln sowie am großen Barriereriff vor Australien
und auf Neu-Guinea.
Die Wanderung der Schildkröten zu ihren angestammten Laich- und
Paarungsplätzen resultieren aus der rechts eigenbrödlerischen Lebensweise der Tiere.
Diese leben normalerweise vereinzelt und fressen Algen, Tang, Quallen und manchmal auch
Krebse und Schnecken. Nur während der Eiablage ist für die Männchen sichergestellt,
dass sie auf geschlechtsreife Weibchen treffen. So werden die Schildkrötendamen, wenn sie
nach langer Reise zur Eiablage an den Strand zurückkehren, an dem sie selbst einmal
schlüpften, bereits von ihren männlichen Artgenossen erwartet. Diese gehen bei der
Paarung nicht gerade sanft mit ihren Damen um. Sie klammern sich am Körper des Weibchens
fest, und damit sie nicht abrutschen, verbeißen sie sich oft in dessen Hals.
Nachdem so für die Generation gesorgt
wurde, die erst in zwei bis drei Jahren zur Welt kommen wird, macht sich das arg
geschundene Weibchen an die mühsame Arbeit der Eiablage. Nach Anbruch der Nacht wuchtet
es seinen anderthalb Meter langen, bis zu 200 kg schweren Körper den Strand hinauf und
sucht eine Stelle, die zum Ausheben der großen Grube geeignet erscheint, in der die Eier
abgelegt werden sollen. Um das bis zu 1 m tiefe Loch auszuheben, braucht Madam Chelonia
etwa drei Stunden, eine weitere Stunde benötigt sie, um ihre 50 bis 200 Eier abzulegen,
und dann dauert es noch mal drei Stunden, bis die Laichgrube wieder so verschlossen ist,
dass kein Feind erkennen kann, wo die Eier im Sand vergraben sind. Während der ganzen
Zeit stöhnen und ächzen die Schildkröten lautstark, denn an Land ist infolge ihres
hohen Körpergewichtes die Atmung beeinträchtigt. Salzige Tränen rinnen Madam Chelonia
unablässig über das Gesicht. Aber oft werden die Schildkröten bei der Eiablage von
Raubtieren und Menschen beobachtet, und das Gelege wird geplündert.
Völlig ermattet schleppt sich das Schildkrötenweibchen wieder zurück
zum Meer, in dessen unendlicher Weite es relativ sicher ist. Denn wenn auch in den 80er
Jahren jährlich über tausend Schildkröten in Fischernetzen ertranken, so droht ihnen
Gefahr nicht so sehr im Wasser, wo sie gewandte, wenn auch gemütliche Schwimmer sind,
sondern vielmehr während der Zeiten der Paarung und der Eiablage, wenn sie sich im
Flachwasser aufhalten oder hilflos an Land krabbeln. Menschen, die ihnen nachstellen,
brauchen sie dann nur auf den Rücken zu drehen, evtl. die Ruderfüße zusammenzubinden
und abzutransportieren. Dies geschieht oft genug bereits vor der Eiablage.
Schon die mittelalterlichen Seefahrer empfanden es als sehr praktisch, dass
Seeschildkröten unendlich langsam sterben und ohne Nahrung viele Wochen frisch zu halten
sind.
Heutzutage sterben die Schildkröten zwar oft schneller, aber nicht weniger grausam, wenn sie bei lebendigem Leibe aus ihren Panzern herausgeschält werden. Die Suppenschildkröte (Chelonia mydas) ist besonders begehrt, denn bei ihr können Eier, Fleisch, Fett und Öl, der Knorpel und das Schildpatt des Panzers verwertet werden. Allerdings sind nur 6 oder 7kg Fleisch dieser riesigen Tiere für den Verzehr geeignet.
Suppenschildkröte (links) und unechte Karettschildkröte (rechts)
Ähnlich stark vom Aussterben bedroht ist die etwas kleinere echte Karettschildkröte (Eretmochely imbricata), die vor allem wegen ihres Schildpatts (ca. 1 - 4 kg pro Tier) gejagt wird. Sie unterscheidet sich von der Suppenschildkröte unter anderem dadurch, das sich die Platten ihres Panzers dachziegelartig überlappen.
Die unechte Karettschildkröte (Caretta caretta), die auch im Mittelmeer vorkommt, hat glücklicherweise keine so große wirtschaftliche Bedeutung, da ihr Fleisch und Panzer als minderwertig gelten. Aber auch sie wird immer seltener beobachtet.
Die Bastardschildkröte (Lepidochelys olivacea) wird weniger wegen ihres Fleisches als vielmehr wegen ihrer Haut verfolgt, die zu Schildkrötenleder verarbeitet wird. Die Haut macht nur etwa 5 % des Gesamtgewichtes einer Bastardschildkröte aus.
Eine weitere Schildkröte, die inzwischen sehr selten geworden ist, ist die Lederschildkröte (Dermochelys coriacea). Ihr Panzer weist sieben Längsrippen auf und ist von einer dicken, lederartigen Haut überzogen. Von den Lederschildkröten wurden bereits wahre Riesen gesichtet, die bei bis zu 750 kg Gewicht 3 m lang waren und zwischen den Vorderflossen eine Spannweite von 4 m aufwiesen.
Bei den Weich- oder Lippenschildkröten (Trionychidae) besteht der Panzer nicht aus Hornplatten, sondern aus harter, runzeliger Haut. Sie können mehrere Stunden tauchen, da sie sich neben der Lungenatmung noch über eine Art "innere Kiemen" an der Rachenschleimhaut mit Sauerstoff versorgen können.
Aber wenn auch alle Meeresschildkröten ausgezeichnet tauchen können, sollte ein Sporttaucher, der sich unsportlich von ihnen durch das Wasser ziehen lässt, daran denken, dass auch Schildkröten ertrinken können, wenn sie daran gehindert werden, an der Wasseroberfläche Luft zu holen.
Bernd Rothmann
erschienen im Sporttaucher, 10/83, Seite 10
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